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  • Jürgen Petersen

Auftanken für den Flow // Oder: Wie komme ich vom Büro möglichst schnell in den Wald?

Aktualisiert: 25. Nov 2018


Wir alle suchen und brauchen den ultimativen "Flow", wollen immer wieder den Status "Deep Work" erreichen. Wir versenken uns gern in einen Zustand, in dem wir dann intensiver denken, fokussierter arbeiten und letztendlich erfolgreicher sind. Dadurch werden wir glücklicher - ganz einfach.

Laut Wikipedia bezeichnet der "Flow" das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust.


Irgendwann ist jedoch der Energiespeicher leer, dann können wir uns nicht mehr konzentrieren, wir fühlen uns ausgelaugt, arbeiten fehlerhaft und sind genervt. Der Vorrat ist erschöpft, von Flow kann nicht die Rede sein und der Erfolg stellt sich auch nicht mehr ein. Glücklich macht das nicht. Wir brauchen wieder Energie, Konzentrationsenergie. Also was tun? Wie laden wir uns - natürlich möglichst effektiv - wieder auf? Was sind wirksame Auszeiten, die zur Erholung des Geistes und damit der Konzentration führen?


Ein einfaches Experiment: Gruppe A macht einen Waldspaziergang. Gruppe B geht durch eine belebte Stadt. Beide Gruppen sind bestimmt 50 Minuten unterwegs. Was ist das Ergebnis? Die Gruppe, die in der Natur war, erzielt später bei einem kognitiven Test ein durchschnittlich 20 % besseres Ergebnis als die Stadtgruppe. Selbstverständlich werden die Gruppen einige Zeit später den Versuch in umgekehrter Zuordnung - die Städter gehen nun aufs Land und umgekehrt - wiederholen. Das Ergebnis bleibt gleich.

Was ist die Ursache?


Ein weiteres Beispiel: Charles Darwin arbeitete, forschte und schrieb den Großteil seines Meisterwerks "On the Origins of Species by Means of Natural " im Down House, seinem Anwesen in der Nähe von Kent. Natürlich ging er gern spazieren. Er ließ dafür extra einen Spazierweg auf seinem Grundstück anlegen. Das war sein "Denkweg". Zu Beginn dieser Spaziergänge häufte er interessanterweise auf dem Weg Steine aufeinander. Jedes Mal, wenn er an den Steinen vorbeikam - auch sein Grundstück hatte offenbar eine begrenzte Größe - , trat er einen Stein beiseite, damit er seine Runden zählen konnte – ohne geistige Vorräte zu verschwenden. Auch er wusste bereits, dass diese Spaziergänge ihm halfen, sich wieder intensiver konzentrieren zu können.


Unsere Aufmerksamkeit ist wie ein Muskel. Muskeln können erlahmen. Aber sie können auch trainiert werden; man kann Kondition aufbauen und ausdauernder werden. Man spricht von der "Attention Restoration Theory" (ART).

Im Rahmen einer Arbeit an der Universität Tampere (Finnland) wurde sogar ein Wert für die Qualität eines Ortes oder Umgebung hinsichtlich des positiven Einflusses auf unsere geistigen Energie-Reserven eingeführt: Perceived Restorativeness Scale (PRS)

Positive Wirkung, also einen hohen PRS haben grundsätzlich Umgebungen, die in die Rubrik "being away" fallen. Sie bieten einen Ausstieg und sind alles andere als die alltägliche Routine. Dagegen sind Erlebnisse, die unsere Aufmerksamkeit fordern und uns neugierig machen zwar eine gute Ablenkung, füllen aber die Energiereserven unserer Konzentration nicht so gut auf.

Wir lernen also: Ein Spaziergang in der Stadt kann den Muskel "Aufmerksamkeit" bei Weitem nicht so gut regenerieren, da wir uns beim Gang durch die Stadt ebenfalls konzentrieren müssen. Wir sind als Fußgänger Verkehrsteilnehmer, sind in einem komplexen System mit vielen Umwelteinflüssen unterwegs, sehen teilweise Dinge, die unser Interesse wecken.

Die Reize im Wald, auf dem Land, in der "Leere" "lösen nur eine bescheidene Aufmerksamkeit aus, was wiederum die fokussierende Aufmerksamkeit sich regenerieren lässt" (Marc Bermann 2008). Die von uns gelenkte Aufmerksamkeit, also gerade die, die wir wieder aufladen möchten, benötigen wir in diesen ruhigen Umgebungen nahezu gar nicht. Navigationsaufgaben sind zu vernachlässigen, eine aktive Interaktion mit der oder auch nur Reaktion auf die Umgebung nicht notwendig.


Ich frage mich, was die Alternativen zu einem Spaziergang in der Natur sind? Denn nicht immer können wir direkt vor die Tür treten und gleich den Wald genießen. Auch haben wir nicht immer auf unserem Anwesen einen entsprechenden Weg anlegen lassen.

Aber dann müssen wir uns mit Kompromissen zufriedengeben oder auch ganz woanders schauen. Da wären beispielhaft diese - alles "inhärent faszinierende Reize" bietende - Aktionen: Joggen, leichter Sport, Essen kochen, Musik hören, ein entspanntes Gespräch ... Also auch alles Aktivitäten, mit denen wir uns gern am Abend beschäftigen, wenn wir uns vom Arbeitsalltag erholen wollen. Und natürlich das oft in der Literatur erwähnte "Power Napping", das in anderen Kulturkreisen weniger kritisch gesehen wird.

Schaffen wir es, diese ausgleichenden Momente mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu erleben, dann kann der Zustand des Flows, das konzentrierte Arbeiten immer länger werden. Denn wie gesagt: Auch unsere Konzentrationsfähigkeit ist wie ein Muskel und kann trainiert werden.


Noch ein Wort zum Glücksgefühl durch den Flow: Das Glück stellt sich nicht erst dann ein, wenn wir von außen die Bestätigung für unsere gute Arbeit erhalten, sondern es ist bereits vorher da, wenn man einfach das sich selbst gesteckte Ziel erreicht hat oder auch nur durch die Arbeit in einem Flow-Status spürbar weiter gekommen ist.


Was folgt, insgesamt betrachtet, daraus für unseren Umgang mit unserer Arbeit im Allgemeinen, bzw. speziell in Bezug auf den Ansatz der dauerhaften Erreichbarkeit, wie ihn manche Firmen propagieren? Nun, klar gesagt, sie ist der Tod der Konzentration und macht unsere Bemühungen, unseren Energiespeicher für das fokussierte Arbeiten am nächsten Tag wieder aufzuladen, absolut zunichte!

"Eben noch schnell Firmen-Mails checken", noch ein Stündchen am Abend arbeiten, nur ein Telefonat, damit man morgen im Büro nicht so viel hat ... Je länger die ununterbrochene Pause für das fokussierte Arbeiten ist, desto intensiver und wirksamer ist die Erholung für den nächsten Tag. Darüber hinaus reduzieren oben genannte Arbeiten am Abend - eben mal schnell zwischendurch - wiederum unseren Speicher und wirken somit doppelt kontraproduktiv und schädlich!

Oder brauchen wir für unsere Arbeit am nächsten Tag keine Konzentration? Okay, dann ist der Ansatz aber grundsätzlich ein anderer und Du bist nicht Teil der Zielgruppe dieses Artikels!

Zurück zu unserer "Abendgestaltung": Leider kann unser Gehirn nicht von Jetzt auf Gleich abschalten. Es möchte langsam in diese Stimmung kommen und dann auch die Gewissheit haben, dass es sich lohnt, da eine längere Pause ansteht.

Anders gesagt: Die am Abend in die Entspannungszeit gequetschte Arbeit kann und wird ganz erheblich die Effektivität, damit auch den Erfolg und die Motivation des nächsten Tages deutlich reduzieren. Man verschwendet also sogar doppelt seine Zeit: Der Abend ist hin, man erholt sich nicht, verbringt seine Zeit auch nicht mit den Menschen und Dingen, die einem neben der Arbeit noch wichtig sind und der nächste Tag wird auch nicht zufriedenstellend verlaufen. Zumindest nicht in Bezug auf die eigene, fokussierte Arbeit.

Die Quintessenz: Lasst den Abend Abend sein, den Urlaub Urlaub! Und ermöglicht Euch mehr wirkliche Entspannung mit einem hohen PRS-Wert. Dann wird auch die Arbeit wieder ein voller, motivierender Erfolg!

Quellennachweis

  • Pasini, Margherita / Berto, Rita / Brondino, Margherita / Hall, Rob / Ortner, Catherine: How to Measure the Restorative Quality of Enviroments: The PRS-11. In: Procedia - Social and Behavioral Sciences, Volume 159, 23. Dezember 2014, Seiten 293-297

  • Darwin, F. ed. 1887. The life and letters of Charles Darwin, including an autobiographical chapter. London: John Murray

  • Korpela, Kalev / Hartig, Terry: Restorative qualities of favorite places. In: Journal of Environmental Psychology, Volume 16, Issue 3, September 1996, Seiten 221-233

  • Felsten, Gary: Where to take a study break on the college campus: An attention restoration theory perspective. In: Journal of Enviromental Psychology, Volume 29, Issue 1, März 2009, Seiten 160-167

  • Kriener, Harald: Power Napping und die AlphaLiege als Mittel zur Steigerung der Effizienz in Unternehmen. Diplomarbeit, Universität Wien. Fakultät für Psychologie, 2008

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